Plötzlich

Plötzlich ist alles anders.

Plötzlich aus dem Leben gerissen.

Plötzlich wieder alleine.

Plötzlich, ein Gefühl in mir, welches ich das erste Mal nicht sofort mit mir ausmachen kann.


Wie ist das? Erträgt man diesen Schmerz jemals? Trauer war für mich ja kein Fremdwort und plötzlich ist es nicht das, was man kennt.


Zuerst kommt der Schock.

Ich denke, das ist alles ein schlechter Scherz, realisiere nichts, kann nicht essen, trinken, kann mich nicht um die Kinder kümmern und bezweifle den Sinn des weiteren Lebens. Ich schreie meine Wut heraus. Habe Fragen über Fragen. Warum?

Erste Woche rum.


Dann der Kraftschub, denn die Beerdigung steht an. Ich weiß sofort und ganz genau, wie es sein muss, um den besten und gebührenden Abschied zu organisieren. Es wird ein Fest und kein Leidesgang. Fühle mich stark, kann endlich nochmal was machen und umsetzen.

Aber auch das hat ein Ende und Woche Zwei ist rum.


Sofort habe ich verstanden und akzeptiert, dass es nun wieder mein Leben ist und ich ein neues Kapitel aufschlagen muss. Stark sein muss für die Kinder und meine Visionen, die ich nach DEM Tod hatte, umsetze. Entwickle einen Überlebenswillen, gehe mit Stärke nach Vorne, habe verstanden.

Sieben Wochen sind rum.


Und Plötzlich überrennt mich alles, was mich überrennen kann. Die Trauer, die Einsamkeit, die Verzweiflung, das Vermissen, die Existenzangst, die Einflüsse von außen und die Realität.

Ich kann nicht mehr atmen. Verliere wieder den Sinn des Lebens.

Mich haben schon viele Schicksalsschläge in meinen 35 Jahren erreicht. Jedes Mal wusste ich es zu be- und verarbeiten, doch dann Plötzlich, weiß auch ich das erste Mal nicht, wie es weiter geht. Der Verstand dreht sich, eine tiefe Traurigkeit kehrt ein. Wieder bin ich wütend, aber diesmal darüber, dass das jetzt mein Leben sein soll?! Ich will niemanden sehen, keinen hören. Stoße alle ab, um auch tief in mich zu gehen ohne jegliche Worte oder Einflüsse von Anderen. Denn trotz dessen, dass es mir so geht, bin ich mir meiner Zustände bewusst. Doch diese zu erleben, durchzumachen, lässt auch mich zweifeln und scheitern in dem Moment. Das Leben hat nichts mehr mit Wollen und Dürfen zu tun, sondern mit Müssen.

8 Wochen sind rum.


Zwei Monate sind nichts, noch viel zu frisch, doch dieses Auf und Ab der Gefühle, des Denkens, des Verstands, des Herzen lässt einen jetzt schon fragen, wie lange das anhält, weil man es nicht aushält.

Keiner kann und wird es jemals beantworten. Jeder muss das für sich selber entscheiden. Jeder ist dafür verantwortlich, wie das weitere Fühlen, Denken, Handeln, Leben weiter geht.


Leichter gesagt als getan.


Aber es kommt niemand und zahlt die Miete, erzieht die Kinder und legt den Schalter um, dass die Lebensfreude von 0 auf 100 ist.

Deshalb muss es nach dem Tief, wieder ein Hoch geben. Das Auferstehen, wie ein Phönix aus der Asche unseres geliebten Menschen. Dieses Tief muss bewusst durchlebt werden, denn so zu tun, als schaffe man es und einfach weiter macht, überholt und überkommt einen doppelt so schmerzhaft im Verlauf des weiteren Lebens.

Natürlich ist jeder Mensch anders, stärker oder schwächer. Doch der Prozess bleibt der Gleiche.


Tagtäglich ereilen Menschen den Verlust eines geliebten Menschen. So viele Schicksale und jedem geht es genauso, wie mir.

Aber nicht jeder kommt raus, sondern bleibt in dem Zustand hängen und funktioniert nur noch. Ich für mich quäle mich, wenn ich den Zustand so belasse und nicht versuche, die Liebe und den Tod in mein neues Leben zu integrieren.

Das Leben des geliebten Menschen ist vorbei. Unseres geht weiter.

Mein Mann hat sein Leben mit und in vollen Zügen ausgekostet, alles erlebt, mitgemacht, gefühlt, gesehen, was er wollte. ALLES! Bis zu dem Tag, wo das Schicksal entschieden hat, er hat genug gelebt.

Und genau das ist es, was mich dazu bringt, zu sagen: Okay, ich lebe noch, mein Leben darf auch wieder und weiterhin erfüllt sein, aber anders und vielleicht sogar begehrter im Lebenssein als vorher, denn mein Mann hat aus mir einen anderen Menschen gemacht und sein Tod hat daraus nochmal etwas geformt“.


Vielleicht hilft mir auch der Jahreswechsel. Einerseits denke ich, warum ist mein Mann nur Ende Oktober verstorben, kurz vor dem Geburtstag des großen Sohnes, kurz vor seinem Geburtstag und kurz vor Weihnachten. Und nun könnte ich mir gar nicht vorstellen, noch länger in diesem Jahr festzuhängen. Obwohl sich im Neujahr nicht sofort alles abstellt und verändert, so ist es doch wieder ein Vorausschauen. Genau deshalb bringe ich vielleicht schneller die Kraft auf, zu sagen, das Vegetieren muss aufhören. Ich darf immer traurig sein, ich muss niemals loslassen aber es akzeptieren und mein Leben wieder füllen mit der Liebe unserer Kinder, mit Erlebnissen, Erfolge egal in welcher Hinsicht aber auch weil die Verantwortung dazu bei trägt, das Leben, was mein Mann uns bis dahin möglich gemacht hat, die Liebe, die er uns gelehrt hat und die Gedanken, die wir hatten, weiterzuleben.


Es wird immer unerträglich bleiben. Jeden Tag in die Augen der Kinder zu schauen, löst einen Schmerz in mir aus. Denn zu wissen, dass mein Mann niemals der Papa sein darf, der er unbedingt sein wollte. Nicht zu wissen, wie er als Opa sein wird, was wir uns so oft ausgemalt haben. Das wird mich mein Leben lang begleiten. Aber warum nur das Schlechte sehen, warum nicht auch das Positive aus allem ziehen. Denn das Schicksal hatte auch vorher entschieden, dass wir uns kennenlernten, dass ich seine Ehefrau sein durfte und immer bleiben werde, dass wir uns schnell dazu entschieden haben, uns zu vermehren. Und genau das wird mich auch mein Leben lang begleiten. Denn ich schaue täglich in die Augen der Kinder und sehe meinen Mann. Die gelehrte Liebe und das Sein meines jetzigen Ichs, was ich gerne weiter im neuen Leben fortführen möchte.


Ich befinde mich grad in einem Prozess, in der Entwicklung. Und genauso möchte ich mit meiner Geschichte, meiner Trauer, meinem Ich und das was daraus nochmal geworden ist, mit meiner Persönlichkeit, dem Willen und der Stärke, anderen Menschen helfen, den geliebten Menschen nochmal hochleben zu lassen, sowie die Prozesse zu begleiten und zu zeigen: Ja es tut weh und das darf es auch, aber bitte vergiss dich nicht!

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